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Das CL-Netz als Medienexperiment

Kommerzielle Communitys betreiben nicht selten Mimikry: Sie imitieren, was im nichtkommerziellen Bereich erfunden wurde und dort erfolgreich war. Übrig bleibt das kommerziell genutzte Format – bis es von einer weiteren Innovation abgelöst wird.
Am Beispiel des CL-Netzes, zu seiner Zeit eine der größten deutschsprachigen Communitys, fragt dieser Beitrag: Was führte die Community nach dem rasanten Aufstieg wieder zurück in die Nische? Warum ergriffen die Akteure die Chancen zur Veränderung nicht? Lassen sich soziologische Gesetzmäßigkeiten erkennen, die sich auf weitere Medienadaptionen sozialer Bewegungen übertragen lassen?


CL als Modell
Das Mailboxnetz CL (ursprünglich „Comlink”, gedeutet als „Computernetzwerk Linksysteme”) passte mit seiner dezentralen Vernetzungsstruktur zum Gedanken der Partizipation, wie er aus dem Bürgerjournalismus bekannt ist. Unter ausdrücklichem Bezug auf Brecht und die „Radiotheorie” sollten alle Nutzer gleichzeitig Autoren des Informationsdienst sein. Da die Texte archiviert wurden, sollte gleichzeitig ein Archiv der Neuen Sozialen Bewegungen, eine „Datenbank von unten”, entstehen.
Alle Teilnehmenden waren gleichzeitig Produzenten wie Konsumenten. Dieses Merkmal unterschied Mailboxnetze wie CL insbesondere vom kommerziellen Anbieter Bildschirmtext (BTX). Es gab keine Zentrale, lediglich „größere” und „kleinere” Mailbox-Systeme (peer-to-peer).
Die Leitungen gehörten damals der Deutschen Post und waren deren Nutzungsregeln unterworfen. Die preiswerten US-amerikanischen Endgeräte verfügten meist nicht über die vorgeschriebene „Postzulassung”, so dass die Mailbox-User ebenso wie die Betreiber in einer rechtlichen Grauzone agierten. Das besserte sich erst mit dem Entstehen eines Massenmarktes für postzugelassene Modems.
Datenschutz war bei den kommerziellen Lösungen bis dato nicht gewährleistet. Einige der Aktivisten, Rena Tangens und padeluun, gründeten deshalb die Zerberus GmBH, die eine selbst programmierte Softwarelösung vermarktete. Daraus entstand die bis heute aktive Daten- und Verbraucherschutz-Organisation rund um den Big-Brother-Award.
Mit dem Entstehen sogenannter Gateways zu anderen Mailboxnetzen sowie zu Universitätsrechenzentren gelang die Anbindung ans Internet. Damit bot das CL-Netz einen unschlagbar kostengünstigen Internet-Anschluss, zumindest für die zeitversetzten Dienste Mail und News.
Oliver Koban verglich 1993 bis 1995 in einer soziologischen Untersuchung die beiden Mailboxnetze Z-Netz und CL-Netz. Auf der Ebene der Mailboxsysteme war im Beobachtungszeitraum eine Dezentralisierung zu beobachten: Die Last verteilte sich auf immer mehr Systeme; die Bedeutung der „großen” Systeme nahm im Untersuchungszeitraum eher ab. Bei den aktiven Teilnehmern war beim Z-Netz nahezu eine Stagnation zu beobachten, bei CL eine Zunahme um 426 Prozent (von 162 auf 853 aktive Teilnehmer). Bei der Anzahl der Nachrichten war im Beobachtungszeitraum in CL eine Zunahme um 515 Prozent zu verzeichnen (von 877 auf 5398). Oliver Koban warnte: Das Z-Netz sei durch sein Aufgehen im Usenet in der Bedeutungslosigkeit versunken. Dies könne dem CL-Netz zur Warnung und als abschreckendes Beispiel dienen.

Ein beträchtlicher Teil der Aktivisten verweigerte sich in den folgenden Jahren der in ihren Augen neuen, ideologisch verdächtigen Web-Technologie. Ebenso rasch, wie sie expandiert hatte, schrumpfte die Zahl der teilnehmenden Systeme. Erst im Jahr 2000 gelang es der verbliebenen Redaktion, mithilfe eines engagierten Programmieres eine Webplattform zu etablieren. Seit 2007 steht CL auch als RSS-Feed zur Verfügung.

Mögliche Ursachen
Weitere Erklärungen für den plötzlichen Rückgang der Attraktivität des CL-Netzes ab 1997: 1. Spätestens ab Mitte der 90-er Jahre war das gesellschaftliche Ziel erreicht, preiswerte Internet-Zugänge für alle anzubieten. 2. 1998 entfiel mit dem Wahlsieg der rot-grünen Regierung der gemeinsame politische Gegner der neuen sozialen Bewerbungen. 3. Nach und nach wurde die Onlinepräsenz auch für soziale Initiativen erschwinglich und umgesetzt.

Folgende Hauptirrtümer der Mehrheit der Akteure lassen sich identifizieren: Sie verwechselten 4. technische Partizipation mit politischer Partizipation. Die Folge: Überschätzen und Ideologisierung der eingesetzten Technik. Sie verwechselten zum 5. medialen Einfluss mit politischem Einfluss. (Das ist nicht nur ein Fehler von CL-Netz, Blogs, Wikipedia und Co. – aber er ist immer verhängnisvoll).

Aufgrund der beschriebenen Beobachtungen lassen sich folgende sieben Stadien zur Entwicklung einer Online-Community identifizieren:
1. Innovation: Medien-Innovationen entstehen an den Rändern der Mediengesellschaft. Partizipative Ideen stehen hoch im Kurs. Die alternative Community erfindet sich und gibt sich eigene Regeln. Juristisch gesehen bewegt sie sich in der Illegalität.
2. Expansion: Die Akzeptanz der Technik bei der Zielgruppe steigt. Das soziale Regelsystem wird ausgebaut und erweitert. Abschottungstendenzen und Verschwörungstheorien entstehen.
3. Stagnation: Das Medium ist etabliert. Eine Aufspaltung der Community in Subsysteme wird sichtbar.
4. Kommerzieller Hype: Die Innovationsleistung der Pioniere wird kommerziell verwertet. Teile der Community entwickeln sich weiter und professionalisieren sich.
5. Ideologisierung: In der Community wird das partizipative Potenzial der eigenen (alten) Lösung idealisiert und als Gegenwelt gegen die kommerzielle Welt aufgebaut. Die Community verliert rapide an Attraktivität und an Nutzern.
6. Krise: Nach der Implosion überlebt eine glaubensfeste Teilgruppe samt der bevorzugten Technik in einer Art sozialer und technischer Nische. Sehr langsam wird die Anpassung an aktuelle technische Lösungen vollzogen.
7. Professionalisierung: Die zahlenmäßig stark reduzierte Teilgruppe bildet eine an professionellen Vorbildern orientierte Redaktion. Auf der kommerziellen Seite wird währenddessen das Web 2.0 erfunden..

Die Typologie lässt sich auf Communitys wie Wikipedia, Blogs und die Blogosphäre ebenso anwenden wie auf Video-Communitys wie YouTube etc.: Aus der Community der Pioniere (vgl. Howard Rheingolds Vision der Moblogs) wurden Geschäftsmodelle für den mobilen Content.

Unter dem Gesichtspunkt der Partizipation wäre jetzt zu untersuchen, in welchen medialen Zusammenhängen sich derzeit Gegenöffentlichkeit bevorzugt abspielt. In der Diskussion im Anschluss an das Referat wurde beispielsweise die Musiktausch-Szene genannt. Doch das ginge über den Umfang des vorliegenden Beitrags hinaus.


Ausgewählte Literatur:
Hooffacker, G. (1999): Bürgernetze: ein Modell für die „responsitive community”? In: Machtfragen der Informationsgesellschaft, Marburg, S. 89-95.
Maier-Rabler, U.; Latzer M. (Hg.) (2000): Kommunikationskulturen zwischen Kontinuität und Wandel. Universelle Netzwerke für die Zivilgesellschaft. Konstanz.
Oy, G. (1999): Neue Medien: Comeback des Paradigmas der Interaktivität, in: Machtfragen der Informationsgesellschaft, Marburg, S. 71-78
Rheingold, H. (1994): Virtuelle Gemeinschaft: Soziale Beziehungen im Zeitalter des Computers, Köln.
Vallee, J. (1982): Computernetze. Träume und Alpträume von einer neuen Welt, Reinbek.

Der Beitrag ist erschienen im
Tagungsband 'Wem gehört das Internet?' (2008).

Letzte Aktualisierung: So. 07. 11. 2010. 10:36 Uhr (GaHo)
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