Seitenanfang
 
www.journalistenakademie.de Stiftung Journalistenakademie Dr. Hooffacker GmbH & Co. KG · Arnulfstraße 111-113 · 80634 München · Tel. (089) 167 51 06
| Mail an info@journalistenakademie.de | TOEFL | Blog | RSS | Link zur Twitter-Seite von Dr. Gabriele Hooffacker | Link zur Facebook-Seite der Journalistenakademie | Link zur Google plus-Seite der Journalistenakademie | Link zum Soundcloud-Channel der Journalistenakademie | Link zum Youtube-Kanal der Journalistenakademie | Buch bestellen | Seminar buchen
Sie sind hier: HomeWissenFachbeiträgeBeitrag Empowering the information poor
Ajeleth-Login Account Passwort

Empowering the information poor

(Vortrag vor der Akademie Remscheid 1995, ausführliche Fassung in: Gabriele Hooffacker: Wir nutzen Netze. Ein kommunikatives Manifest, Steidl Verlag, Göttingen 1995)

I. Kannste vergessen!

Am Ufer des Datenflusses



Ähnlich wie die Dampfmaschine im Zeitalter der Industrialisierung wird die Verbindung von Computertechnik und Kommunikationsnetzen das Gesicht der Welt verändern. Alle reden von der künftigen Informations- und Kommunikationsgesellschaft.

Es stellt sich die Frage: Wohin geht die Reise? Wollen wir da überhaupt hin? Wenn nein: Was können wir tun? Dableiben? Bremsen? Anschieben? Oder selbst steuern, Fährmann (Fährfrau) sein? Können wir alles, was wir bisher gelernt haben, vergessen?

('Kannste vergessen!' meinte eine Seminarteilnehmerin kürzlich auf einem Seminar im Münchener Medienladen, als ich um Einschätzungen der Neuen Medien bat.)

Einige Thesen zur künftigen Mediengesellschaft:

1. Ökonomie: Die Wirtschaft braucht die neuen Kommunikationsbahnen. Management ist ohne 'flache' Informations- und Kommunikationsnetze nicht mehr denkbar. Aus dem Datenfluß wird ein Informationsstrom. Wer ihn zu nutzen weiß, steuert selbst mit, steuert letztendlich die Geldströme, die um den Globus kreisen. Bill Gates z. B. interessiert sich sehr für die Datennetze und die Welt von Multimedia.

2. Demokratisches Potential: Es gibt ein demokratisches Potential der Datennetze: die direkte, Hierarchien unterlaufende Kommunikation. Es gibt zahlreiche Beispiele -- DDR, Ex-UdSSR, China, Ex-Jugoslawien -- dafür, daß die neuen Kommunikationsmedien Zensur aller Art umgehen können. Doch dieses Potential wird kaum genutzt. Fragt sich, warum.

3. Kommerzialisierung: Stattdessen verwandelt sich ein Wissenschaftsinstrument wie das World Wide Web mehr und mehr in eine Art Quellekatalog: 'Weltweit werben' oder 'Wunderbare Werbewelt'. Für das weltweite Massenpublikum, die Verbraucher, wird ein Konsumgut produziert, das man in Analogie zum junk food 'junk information' nennen kann: Mit Information hat es nichts zu tun.

Die große Masse der Verbraucher erhält über die sichtbaren und unsichtbaren Datennetze elektronische Konsumgüter. Zur zunehmenden Individualisierung verhält sich diese Entwicklung nur scheinbar paradox: Da das Angebot der Konzerne vielfältig ist und zu höchst unterschiedlichen Konditionen angeboten wird, stellt sich jeder Verbraucher sein individuelles Informations- und Kommunikationsszenario zusammen.

4. Das Informationsverhalten schafft den Status: Je nach Wissen und Ausbildung bevorzugt der einzelne Verbraucher bestimmte Medien bzw. deren Kunstformen. Nach seiner Kaufkraft bezüglich der Ware 'Information und Kommunikation' definiert sich der wirtschaftliche und soziale Status des einzelnen Verbrauchers.

Eine Untersuchung, die kürzlich veröffentlicht wurde, sagt: Fernsehen ist das Medium der Unterschichten. TV und Videorecorder stehen in den Slums, in den Favelas. Je nach Kaufkraft der Zielgruppe ist das Angebot unterschiedlich: Unterhaltungssendungen, Seifenopern, Shows, mit gewissen Einschränkungen auch aufbereitete Informationen. Filme und Unterhaltung auf Abruf treten in den neunziger Jahren hinzu, ebenso bunte Bilder via PC. Die Pay-TV-Angebote der Medienkonzerne geben ein Bild des Verkaufs- und Unterhaltungskosmos', der das Weltbild der Konsumenten prägt.

Folge: Die Verständigung nicht nur zwischen den, sondern auch innerhalb der einzelnen Kommunikationsgruppen wird immer schwieriger, nahezu unmöglich.

Zu 5. Der Rückzug des Staates aus dem öffentlichen Leben ist nicht nur bei den Medien wie Funk und Fernsehen bemerkbar, wo die Privaten langsam, aber sicher die Marktmacht übernehmen. Auch bei den Datennetzen läuft die Privatisierung. Eine der Folgen: Bildung und Wissensweitergabe werden immer weniger von öffentlichen Einrichtungen übernommen, sondern geschehen nur noch dort, wo ökonomisch erforderlich und rentabel. Anders ausgedrückt: Bildung wird individualisiert und flexibilisiert.

II. Und wo stehen Sie?

Informationsarme und Informationsherrscher

Amerikanische Soziologen unterscheiden zwischen 'information poor' und 'information rich'. Unter Information poor verstehe ich von der Information Ausgeschlossene (Analphabeten, 'information poor'): Für sie existieren Fernsehen, Videos und Spielwelten am Computer. Ihre Arbeit ist weiterhin eine angelernte, ausführende -- um so stumpfsinniger, je ausgefeilter die Bedienoberflächen der Maschinen zur Schnittstelle Mensch werden. Am Computer werden sie zu Tastendrückern im Sinne des Pawlowschen Hunds herabgewürdigt: Wenn ich dieses Bild wähle, passiert das, wenn ich auf jenes zeige und danach auf ein anderes, ertönt ein Signal, läuft ein Film ab.. Die graphischen Benutzeroberflächen für die Masse der Konsumenten werden für sie entwickelt: für Menschen, die größere Textmengen nicht mehr zu erfassen vermögen. --> Pay TV, Video-on- Demand. Consumer-Markt, Massengeschäft, vgl. CeBIT Home..

Für die Information rich ist Information das Rohmaterial, also Mittel. Ihr Lebensstil, ihre Philosophie, ihre Sicht der Gesellschaft wirkt prägend. Herrschaftswissen. --> Informationselite.

Diese schlichte Zweiteilung scheint mir jedoch zu kurz zu greifen. Es gibt offensichtlich eine dritte Klasse, die eine Zwischenstellung einnimmt, zu der vermutlich Sie und ich gehören: die Informationsarbeiter oder 'Informations-Manager': diejenigen, die strukturierte Informationen suchen und auswerten, die Information vermitteln, zu deren Beruf die Kommunikation gehört. Innerhalb dieser Klasse gibt es viele Abstufungen: Diejenigen, die die bloße Eingabe und Abfrage beherrschen (Sekretariat, Assistenz); diejenigen, die die Wissensbänke technisch anlegen und warten (Programmierer, Operatoren, Bibliothekare); diejenigen, die für den inhaltlichen Aufbau, die Strukturierung und die inhaltliche Wartung zuständig sind. Dazu gehört die gesamte Verwaltung bis hin zum mittleren Management. Dazu gehören aber auch Journalisten (wie ich), Werbefachleute, PR-Strategen, Autoren, Journalisten, Redakteure, Lehrer, Trainer, Dozenten..

Diese Klasse der Wissenden wie der Wissenvermittler hält sich, da sie zu verstehen glaubt, was vorgeht, im Übrigen teilweise für die Herrschende. Das ist, wie sich leicht feststellen läßt, ein Irrtum: Denn inwieweit stehen diese Informationsmanager tatsächlich an politischen oder ökonomischen Schaltstellen? Und was ist ihre Aufgabe an der Schwelle zum 21. Jahrhundert?

Medienkompetenz -- Voraussetzung fürs Zurechtfinden

Politische Teilhabe setzt Medienkompetenz voraus. Längst ist Medienkompetenz nicht nur eine Voraussetzung für anspruchsvolle Berufe, sondern eine Voraussetzung zum Zurechtfinden in der Informationsgesellschaft schlechthin. Mitwirken in gesellschaftlichen Zusammenhängen, von den etablierten Parteien bis zu den lose formierten Gruppierungen der Neuen Sozialen Bewegungen -- Bürgerinitiativen, Frauenbewegung, Umweltgruppen -- setzt Kenntnis der Medienwelten voraus.

Junge Erwachsene müssen, um sich in der Mediengesellschaft zurechtzufinden, Medienkompetenz erwerben. Wer an der Öffentlichkeit partizipieren will, muß die Zugänge zu den Medien - Zeitung, Rundfunk, Fernsehen, Video, CD-ROM, Datennetze bis hin zum Internet - kennenlernen.

Eigene Medien gestalten lernen.

Die Bildungsarbeiter müssen sich der Konkurrenz kommerzieller Veranstalter und Medienproduzenten stellen -- und neben ihnen bestehen. Das heißt auch: selbst Medien gestalten. Emanzipatorisch ist diese Arbeit aber erst, wenn auch die jungen Erwachsenen selbst gestaltend tätig werden -- und nicht nur konsumieren.

Neue Formen des Informationsaustausches nutzen.

Die Vernetzung mit anderen Bildungsinitiativen lokal, bundes- und sogar weltweit kann am Ausgang des 20. Jahrhunderts nicht mehr nur mit den hergebrachten Mitteln des Informationsaustausches erfolgen. Persönliches Gespräch und konventioneller Brief finden ihre Ergänzung und Optimierung in der Nutzung neuer Medien. Nicht kommerzielle Mailboxnetze wie das Computernetzwerk Linksysteme (CL-Netz), das mit Menschen und Gruppen in sieben europäischen Ländern, in den USA, in Lateinamerika etc. über die internationalen Umwelt- und Politnetze Informationen austauscht, helfen, Nachrichten in kürzester Zeit von Kontinent zu Kontinent zu bringen.

Medien kompetent und sachkundig selbst erstellen zu können ist zu einer Voraussetzung der Teilnahme am kulturellen wie politischen Leben geworden und damit eine Mit- und Grundbedingung politischen Engagements. Ohne eigene Medienmächtigkeit ist das 'Zoon Politikon' des 21. Jahrhunderts in der nachindustriellen Gesellschaft ohne Chancen. Ohne Medien und Öffentlichkeit wird sein Engagement scheitern oder eben 'nur' unbemerkt und damit ohne Wirkung bleiben.

Es ist die Aufgabe der Bildungsarbeiter, der Informationsvermittler oder Informationsmächtigen, Medienkompetenz zu vermitteln.

III. Fährleute gesucht

Navigatoren durch die Informationsflut

'Empowering the information poor': Ein Plädoyer für eine Bildungsoffensive der neuen Medien.

'In der modernen Leistungsgesellschaft heißt soziale Gerechtigkeit nichts anderes als gerechte Verteilung der Bildungschancen (..). Der gesamte soziale Status, vor allem aber der Spielraum an persönlicher Freiheit, ist wesentlich durch die Bildungsqualifikationen definiert, die von dem Schulwesen vermittelt werden sollen' (1). Als Georg Picht in den frühen sechziger Jahren mit seiner Artikelserie 'Die deutsche Bildungskatastrophe' beschwor, fiel seine Forderung auf fruchtbaren Boden: Eine Bildungsoffensive bis dahin nicht gekannten Ausmaßes veränderte das gesamte schulische wie außerschulische Bildungswesen der Bundesrepublik seit den sechziger Jahren. Zustimmung hatte Picht von unerwarteter Seite erhalten: Aus den Kreisen der Wirtschaft wurde einer grundlegenden Reform des Bildungswesens begeistert zugestimmt. Am Ende des 20. Jahrhunderts im beginnenden Zeitalter der Informationsgesellschaft sind die Ausgangsbedingungen denen von vor dreißig Jahren nicht unähnlich: Technologische Veränderungen stellen die schulischen wie außerschulischen Bildungseinrichtungen vor ungeahnte Herausforderungen. Aus Kreisen der Wirtschaft wird nun die ursprünglich fortschrittliche Forderung nach projektorientiertem Unterricht, nach neuen Inhalten und neuen Methoden, erhoben. Eine späte Bestätigung für die bildungspolitischen Forderungen der Sechziger Jahre -- und gleichzeitig bitter für die Verfechter fortschrittlicher Konzepte: Die pädagogischen Vorgaben richten sich nach den ökonomischen Gegebenheiten.

Daß die damaligen Reformkonzepte richtig waren, steht inzwischen außer Frage. Heute stehen die schulischen wie die außerschulischen Bildungseinrichtungen vor einer neuen Herausforderung: Im Medienzeitalter entscheiden Medienbildung und -kompetenz über die künftige Position in der Gesellschaft. Die Kommunikationskluft spannt sich zwischen Informationsmächtigen auf der einen und Information-Poor auf der anderen Seite. Das betrifft den beruflichen Status ebenso wie das Konsumverhalten.

Daraus ergeben sich Forderungen an eine neue Medien- und Bildungspolitik:

Vermitteln von

• Medienkompetenz,
• Medienmächtigkeit und
• Medienkritik

Medienkompetenz:

Ziel ist, die künftigen Verbraucher in den Stand zu setzen, die Medienwirklichkeit selbst zu beurteilen. Das geht am besten darüber, selbst Medien zu gestalten. Dazu ist Vermitteln des entsprechenden Handwerkszeugs nötig.

Medienmächtigkeit:

Wer sich in der Informations- und Kommunikationsgesellschaft nicht nur zurechtfinden, sondern selbst aktiv werden will, muß entscheiden können, welches Medium für welchen Zweck das Richtige ist, wie man für seine Ziele Öffentlichkeit herstellt. Die beste Initiative, die beste Aktion verpufft ohne die entsprechende Medienarbeit.

Medienkritik:

Kenntnisse über Mediengeschichte und aktuelle Trends in den Medien setzen junge Erwachsene in die Lage, Medienwelten zu beurteilen. Damit ist Medienkritik ein wesentlicher Baustein gegen die Beliebigkeit. Sie dient als Orientierungshilfe und ist identitätsstiftend.

Dazu bedarf es kluger Navigatoren durch die Datenfluten. Wichtig ist, daß die Navigatoren -- oder die Fährleute über den Datenfluß -- selbst verstehen, was vorgeht ('einen Plan haben', sagen die Jugendlichen dazu).

Das ist bei den rasend schnellen Informations- und Kommunikationsströmen nicht immer ganz einfach. Notwendig ist also, um im Bild zu bleiben, die Fährleute ständig weiter auszubilden.

Ein Ansatz ist das Mediencafé, wie es von der Bielefelder Gruppe Art d'Ameublement entwickelt wurde: in angenehmer Atmosphäre (Kaffeehaus) spielen, lernen, kommunizieren. Dazu gehört ein Team, das auf Wunsch die neuen Medien erklärt und zeigt, dazu gehören Terminals, an denen man die Datennetze ausprobieren kann, und dazu gehören auch Seminare, Vorträge, Workshops. Vor allem gehört dazu aber entsprechende wissenschaftliche und pädagogische Begleitung - ein wesentlicher Bestandteil des Mediencafé-Projekts. Ähnliche Initiativen gibt es als Medienladen oder als Medienhaus in verschiedenen Bundesländern.

Ideen gibt es also genug, auch Ansätze, die weiterzuverfolgen es sich lohnt. 'Aber wie sollen diese vielversprechenden Beschlüsse in der Praxis durchgeführt werden, wenn der politische Impetus fehlt, um die erforderlichen Kräfte zu konzentrieren und um die riesigen Mittel aufzubringen, die benötigt werden?' (3). Wie bereits Georg Picht in den sechziger Jahren feststellte, ist das alles eine Frage des politischen Willens, für eine solche Bildungsoffensive Geld auszugeben. Und daran mangelt es in der Bundesrepublik auf dem Weg in die Informations- und Kommunikationsgesellschaft trotz vieler schöner Worte bis heute.

Anmerkungen:

(1) Georg Picht: Die deutsche Bildungskatastrophe. Analyse und Dokumentation, Olten und Freiburg im Breisgau 1964, S. 31.

(2) vgl. Martin Goldmann, Claus Herwig, Gabriele Hooffacker: Internet. Per Anhalter durchs globale Datennetz, Reinbek (rororo) 1995

(3) Georg Picht: Die deutsche Bildungskatastrophe. Analyse und Dokumentation, Olten und Freiburg im Breisgau 1964, S. 97.

Letzte Aktualisierung: So. 07. 11. 2010. 10:32 Uhr (GaHo)
Schaufenster
Offene Seminare
Jeweils Freitag/Samstag:
Jahresprogramm Seminare 2017 (PDF)
Events
Bis 31. März beim Alternativen Medienpreis bewerben

Kalender für 2017

Fachtagung Journalistik: Reduktion von Komplexität, 16.-17.2.17

Münchner Nacht des Menschenrechtsfilms, 8.2.17

Deutscher Menschenrechts-Filmpreis, 10.12.2016

Die Journalistenakademie auf den Medientagen München, 25.-27.10.

64. Mediengespräch: Haben unsere Medien Migrationshintergrund?, 19.10.2016

Preisverleihung zum Alternativen Medienpreis, 13.5.

63. Mediengespräch: Hoaxes, Fakes, Fälschungen, 4.5.

Wikipedia Foto-Workshop, 8.-10.4.2016

Das war die DGPuK-Jahrestagung, 30.3.2016

Fürs neue Jahr: Kalender 2016

62. Mediengespräch: Frauen in Medienberufen, 18.11.

61. Mediengespräch:
Social Media für Journalisten, 1.10.

Fotos vom Sommerfest: 15 Jahre Journalistenakademie

Alternativer Medienpreis: Preisverleihung, 22.5.

60. Mediengespräch:
Zukunft des Journalismus, 1.4.

Fachkonferenz Journalistenausbildung, 3.3.

Lange Nacht des Menschenrechts-Films, 28.1.2015

Erinnerung an jüdisches Leben in Neuhausen:
Weiße Koffer

100 Jahre Maxim-Kino

Abschlussprojekt Online-Publishing: www.pressearbeit-praktisch.de

Eine Eins für die Journalistenakademie