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Ende eines Mythos: Internet.

(Medientagebuch, erschienen in: Freitag, Juni 1998)



Go West! Mit einer Bonanza ist das Internet anfangs verglichen worden, und wie im echten Wilden Westen gab es online wagemutige Pioniere, gefolgt von gescheiterten Abenteurern und Banditen, die hier ihre letzte Chance witterten, von Trappern und Fallenstellern, schließlich von zahllosen Trecks und Siedlern, die das Land in Besitz nahmen und die Claims absteckten.

Die Ureinwohner wurden vernichtet bzw. in Reservate wie den Chaos Computer Club gesperrt, wo sie heute von als Hackern maskierten kleinen Jungs bestaunt werden können. Einer ihrer großen Häuptlinge namens Steffen Wernery wurde vor zehn Jahren in Frankreich in einen Hinterhalt gelockt und eingesperrt - damit war der Widerstand gebrochen. Der schändliche Sachverhalt wurde in der offiziellen Geschichtsschreibung nahezu vergessen.

Unter den Siedlern kam es dann zu den bekannten Auseinandersetzungen zwischen Rinderzüchtern und Farmern: Die friedliebenden Farmer, meist Hippies und Vegetarier, wollten eigentlich nur ihr Online-Gemeinwesen, das Global Village, nach dem Vorbild ihres Heimatdorfs gestalten, worüber sie endlos diskutierten.

Währenddessen taten die Rinderzüchter das, was sie immer tun: Kuhhandel treiben, und dabei waren ihnen die Farmer im Wege. Während die Farmer noch diskutierten, zertrampelten die Rinderherden ihre schönen Getreidefelder und fraßen nieder, was sich ihnen in den Weg stellte. Unerbittlich wurde der Bau der Datenautobahnen vorangetrieben, nicht immer mit feinen Mitteln im Kampf der Eisenbahngesellschaften gegeneinander - schließlich ging es um die Herrschaft über die Transportwege.

Und Washington ist weit, weit weg. Einerseits ist die Landnahme ja auch im Interesse der Regierung. Die Sheriffs erhalten den Auftrag, das staatliche Gewaltmonopol durchzusetzen, notfalls mit Gewalt. An Felix Somm, einem Rinderzüchter, der zeitweise im Sold der Eisenbahngesellschaft Compuserve stand, wird von einem bayerischen Wyatt Earp ein Exempel statuiert.

Daneben tobt der Bürgerkrieg zwischen Gegnern und Befürwortern der Sklaverei: Der Südstaatler Bill Gates, ein Großgrundbesitzer, der seine Profite aus der Windows-Sklaverei bezieht, beginnt den 'Browser-War'. Ein kleines Völkchen von Freischärlern, das sich den Pinguin zum Emblem gewählt hat, kämpft auf der Seite der Demokraten unter der Fahne LINUX für das Bürgerrecht auf Freiheit der Software..

Am vergangenen Samstag ging in Frankfurt der IMD-('Informationsgesellschaft-Medien-Demokratie')Kongress 1998 zu Ende: eine Veranstaltung von Online-Freischärlern, -Künstlern und -Wissenschaftlern, die die Regierung zu demokratischem Handeln aufforderte und medienpolitische Ziele für die Nach-Kohl-Ära formulierte.

Die Analysen des IMD-Kongresses sind glasklar: Die Vorsitzende der Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen HBV Margret Mönig-Raane fordert am Freitag abend, die Hegemonie der Rinderzüchter und ihrer Handlanger zu brechen. Stefan Krempl analysiert im Anschluß daran die Sklavenhaltermethoden des 'System Bill Gates'.

Die Ambivalenz nationalstaatlicher Regulierung stellt Guido Felhölter am Beispiel der britischen Fernmeldepolitik dar: Die britische Regierung stand vor dem Dilemma, nationalen Wettbewerb schaffen zu wollen und gleichzeitig British Telecom als Global Player aufzubauen. Ergebnis: Der Umfang regulatorischer Maßnahmen stieg. Gleichzeitig zog sich der Staat aus der sozialpolitischen Verantwortung etwa für die telekommunikative Grundversorgung der Bevölkerung zurück - unter Zuhilfenahme neoliberaler Deregulierungsrhetorik.

Den Rückzug des Staates aus dem Bildungsbereich beklagt Ingrid Lohmann. Hans-Gert Gräbe von der Universität Leipzig bemerkt, daß sich Wild-West-Manier auch in den Wissenschaften breit macht. Klaus Fueller, Pionier des Offenen Deutschen Schulnetzes (ODS), bezweifelt, daß die Allianz aus Plantagenbesitzern, Sklavenhaltern und Ku-Klux-Klan für die Ausbildung demokratischen Bewußtseins förderlich ist. Dennoch will der Marburger Mitorganisator des Kongresses Dr. Rainer Rilling die Datenautobahnen besser für die demokratische Partizipation nutzen.

Dem britischen Gast Dr. Stephen Coleman (UK Citizens Online-Democracy, London) kommt die bundesdeutsche Diskussion derart theorielastig vor, daß er den Kongressteilnehmerinnen und -teilnehmern am Samstag vormittag etwas mehr Mut wünscht, praktische Erfahrungen mit der Online-Demokratie zu machen. Währenddessen erläutern einige grün-alternative Biobauern und -bäuerinnen, beharrlich die Vorzüge ihres praxiserprobten Modells von Basisdemokratie online im 'CL-Netz' und der 'APC' (Association for progressive communications).

Nicola Döring zeichnet genüßlich die neuen erotischen Selbstverwirklichungsmöglichkeiten für Frauen in den Bars und Bordellen des Wilden Online-Westens nach. Einen kritisch-feministischen Blick auf die männerzentrierte Wissenschaft der Rinderzüchter und Cowboys wirft Rena Tangens aus Bielefeld. Die berufliche Situation der Cowboys in den sogenannten Call-Centern und bei der Telearbeit ist Gegenstand arbeitsrechtlicher Forderungen anwesender Postgewerkschafts-Funktionäre.

Mit der derzeitigen Regierung geht Professor Herbert Kubicek aus Bremen ins Gericht: Sie habe ihre eigenen, in der Regierungserklärung von 1982 formulierten Ziele nicht erreicht, etwa, die die Arbeitslosigkeit von damals 2,5 Millionen zu verringern. Der Fehler liege in der rein angebotsorientierten Wirtschafts- und Medienpolitik. Kubicek fordert stattdessen eine Nachfrageorientierung: nicht nur über die Verbraucherpreise, sondern auch über die zu schaffenden Kompetenzen.

Die Beiträge und Forderungen der rund 350 Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind nachzulesen in den Abstracts zu den Vorträgen und Arbeitsgruppen und in der 'Frankfurter Erklärung' auf http://staff-www.uni-marburg.de/~rillingr/imd/imd98/imdkongress98.html. Das Ergebnis des Kongresses wird in einem Tagungsband veröffentlicht.

'Eigentlich komisch', sagt Aktionskünstler padeluun, einer der Pioniere im Online-Westen, am Nachmittag in einer Raucherpause während der AG 'Zivilgesellschaftliche Projekte elektronischer Demokratie', 'daß bisher keiner unsere Bonanza entdeckt hat. Wir müßten den Schatz bloß noch heben.' Hoffentlich merken es die Sklavenhalter und Rinderzüchter nicht.

Letzte Aktualisierung: So. 07. 11. 2010. 10:33 Uhr (GaHo)
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