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Das Bildungsparadoxon

10 Forderungen an eine dringend nötige Reform

(veröffentlicht in: Freitag, 18.12.98)

Neue Bildungsunübersichtlichkeit: Das Grundrecht auf Bildung ist in aller Munde - seine Verwirklichung scheint so weit entfernt wie nie. Die CDU-Regierung hatte das BAFöG bis zur Unkenntlichkeit verwässert - wenige Tage nach dem rotgrünen Wahlsieg schlägt der gewerkschaftsnahe 'Sachverständigenrat Bildung' Bildungsgutscheine, Bildungssparen, Bildungsdarlehen vor, mithin: mehr finanzielle Eigenbeteiligung ab der Oberstufe. In der Opposition forderte die SPD Medienkompetenz für alle, um gegen die wachsende Bildungskluft der Informationsgesellschaft zwischen Arm und Reich vorzugehen - in der Koalitionsvereinbarung kommt das Wort 'Internet' überhaupt nicht vor. Was ist hier los?


'Meine Tochter macht das Abitur, und wenn sie jede Klasse dreimal macht!' (Achitekt, Vater einer neunjährigen Tochter, im Elternbeirat der Grundschule). - 'Mäxchen, das nächste Mal kann ich Dir bei 24 Fehlern im Diktat keine Eins in Deutsch mehr geben, auch wenn Dein Vater Zahnarzt ist!' (Lehrerin zu elfjährigem Schüler am Gymnasium).

Zwei Szenen, live erlebt anno 1969. Wer dachte, das sei vorbei, hat sich geirrt: Vieles ähnelt 1999 den sechziger Jahren. Der Anteil der Arbeiterkinder an den Studierenden liegt heute wieder bei sieben Prozent, genau wie damals. Zwischendurch, in den späten Siebzigern, war er mal bei mehr als 14 Prozent angekommen - zum Entsetzen der Bildungselite. Zugegeben, seitdem ist der Anteil der Arbeiter an der Gesamtgesellschaft zurückgegangen. Die Kluft zwischen Gut- und Wenigergut-Verdienenden jedoch hat sich vertieft: Immer weniger Haushalte sind sehr gut gestellt, immer mehr dagegen schlechter. Vor einer wachsenden Kluft zwischen Informations- also Bildungs-Armen und -Reichen warnen Erziehungswissenschaftler wie Dieter Baacke und Hartmut von Hentig.

Die biographische Erfahrung von Leben, Freizeit, Arbeit ist unübersichtlicher geworden: Der einfache Dreiklang von Schule - Ausbildung - Arbeit existiert gerade noch als Bildungsideologie. Tatsächlich sind verschlungene Arbeitsbiographien Realität: Schule - Lehre - Arbeit - Weiterbildung - Arbeit.. lauten heute Biographien, an den Umbruchstellen immer wieder unterbrochen durch arbeits-lose Phasen der Umorientierung, und dies quer durch die Gesellschaftsklassen.

'In der modernen Leistungsgesellschaft heißt soziale Gerechtigkeit nichts anderes als gerechte Verteilung der Bildungschancen (..). Der gesamte soziale Status, vor allem aber der Spielraum an persönlicher Freiheit, ist wesentlich durch die Bildungsqualifikationen definiert, die von dem Schulwesen vermittelt werden sollen' (1). Georg Picht beschwor in den frühen sechziger Jahren mit seiner Artikelserie 'Die deutsche Bildungskatastrophe'. Er nahm Wirtschaft wie Politik in die Pflicht und hatte Erfolg: Eine Bildungsoffensive bis dahin nicht gekannten Ausmaßes veränderte das gesamte schulische wie außerschulische Bildungswesen der Bundesrepublik seit den sechziger Jahren. Zustimmung hatte Picht von unerwarteter Seite erhalten: Aus den Kreisen der Wirtschaft wurde einer grundlegenden Reform des Bildungswesens begeistert zugestimmt.

An der Schwelle zum 21. Jahrhundert sind die Ausgangsbedingungen denen von vor fünfunddreißig Jahren nicht unähnlich. Ökonomische, technologische, gesamtgesellschaftliche Veränderungsprozesse stellen die schulische wie außerschulische Bildung vor ungeahnte Herausforderungen: Im Medienzeitalter entscheiden Bildung und Medienkompetenz über die künftige Position in der Gesellschaft. Die Kommunikationskluft spannt sich zwischen Informationsmächtigen auf der einen und Information-Poor auf der anderen Seite. Das betrifft den beruflichen Status ebenso wie das private Konsumverhalten (2).

Die vielbeschworene Medienkompetenz ist nach Bernd Schorb eine grundlegende soziale Kompetenz. Der Leipziger Medien- und Erziehungswissenschaftler setzt sich seit vielen Jahren für gerechtere Bildungsschancen ein. Medienkompetenz läßt sich nach Bernd Schorb und Peter Lokk beschreiben als

• Kommunikationskompetenz: Ziel ist, die künftigen Arbeitnehmer und Verbraucher in den Stand zu setzen, die sie umgebende Wirklichkeit - und das ist zunehmend: Medienwirklicheit - zu verstehen, beurteilen, verändern. Das geht am besten über demokratisches Mitwirken: sich gesellschaftlich engagieren, selbst Medien gestalten. Entsprechendes soziales Handwerkszeug muss an alle Altersgruppen vermittelt werden - es dient der beruflichen Aus- und Weiterbildung ebenso wie der gesellschaftlichen Teilhabe.
• Medienmächtigkeit: Wer sich in der Informations- und Kommunikationsgesellschaft nicht nur zurechtfinden, sondern selbst aktiv werden will, muss Medien nicht nur rezipieren können. Er muss entscheiden können, was wann wie an wen kommuniziert werden muß, welches Kommunikationsmedium für welchen Zweck das Richtige ist. Die beste Idee im Unternehmen, die beste gesellschaftliche Aktion verpufft ohne die entsprechende Medienteilhabe.
• Medienkritik: Kenntnisse über Mediengeschichte und aktuelle Trends in den Medien setzen junge Erwachsene in die Lage, Medienwelten zu beurteilen. Damit ist Medienkritik ein wesentlicher Baustein gegen die Beliebigkeit. Sie dient als Orientierungshilfe und ist identitätsstiftend.

Daraus ergeben sich zehn Forderungen an eine neue Medien- und Bildungspolitik, die West- wie Ost-Bildungserfahrungen aufnehmen und den Aufbruch in eine soziale, ökologische Bildungsgesellschaft markieren.

1. Medienkompetenz ist notwendige gesellschaftliche Kompetenz

'Ohne eigene Medienmächtigkeit ist das zoﻩn politikon des 21. Jahrhunderts in der nachindustriellen Gesellschaft ohne Chancen' (Peter Lokk). Der Nürnberger Erwachsenenbildner hat 1997 an der dortigen Volkshochschule ein Musterprojekt der Multimedia-Bildung ins Leben gerufen: angesiedelt sowohl in der beruflichen als auch der kulturellen und gesellschaftlichen Bildung. Zu den Zielen solcher innovativer Weiterbildungsarbeit gehören im Bereich Medien eben nicht nur die Computerkenntnisse, um eine Homepage zu gestalten, sondern zusätzlich: Kenntnis von Kommunikationsstrukturen, der lokalen Medienlandschaft, Erfahrungen mit dem Ablauf sozialer Prozesse in Gruppen, das Auswählen und Beurteilen von Medieninhalten aus Presse wie Internet, kurz: die oft beschworene Kommunikationskompetenz.

Hier muss die rot-grüne Bildungsoffensive ansetzen: Kenntnisse über Arbeit und Funktionsweise von Kommunikation und ihre Vermittlung durch Medien sind für jede Bürgerin, jeden Bürger notwendig. Dazu ist nicht nur ein passiver, sondern ein aktiver und interaktiver, also: demokratischer Zugang zu den Medien notwendig, insbesondere zu den sogenannten 'neuen' - vom Kindergarten an. In den Ausführungen der Enquete-Kommission des Bundestags von 1998 ist das nachzulesen. Wo sind die Experten von damals?

2. Zehn Jahre solide Schulbildung für alle

Die Forderung nach ständiger Weiterbildung oder die schreckliche Floskel vom 'lebenslänglich Lernen' sind bodenlos, wenn die schulischen Grundlagen nicht stimmen. Die Ausgangsbedingungen für das Lernen der Kinder und Jugendlichen müssen optimal sein, und zwar unabhängig vom Geldbeutel der Eltern, sagte Bildungsministerin Edelgard Bulmahn in ihrer Antrittsrede. Das ist richtig. Umzusetzen ist das so: Die schulische Grundbildung für alle muss besser werden, ganz gleich, ob Haupt- oder Realschule, Gesamtschule oder Gymnasium.

Demokratisches Handeln erlernen funktioniert nicht in undemokratischen Räumen. Mehr Lehrer-, Schüler- und Elternbeteiligung ist angesagt, insgesamt mehr soziales und kulturelles Lernen (vgl. Punkt 9 Ganztagsschule/außerschulische Jugendarbeit). Die Schule muss sich auf die Kernkompetenzen konzentrieren: Kommunikationskompetenz in Sprache, Schrift, Medien (!), Naturwissenschaft und Mathematik, Wirtschafts- und Gesellschaftskunde; Förderkurse für Begabte - alles, wo immer möglich, team- und projektorientiert.

Vergleichbare Tendenzen sind in vielen Bundesländern sichtbar: Solide schulische Grundbildung, wie auch immer, bis zur zehnten Klasse, ist im Zeitalter komplexer naturwissenschaftlicher und gesellschaftlicher Wissenszusammenhänge und wachsender beruflicher Anforderungen an die Kommunikationskompetenzen sinnvoll. Sie sollte bundesweit festgeschrieben werden - bei flexibler Ausgestaltungsmöglichkeit durch die Länder.

3. Freies Studium bis zum Bachelor

Dass das Bildungssystem der Hochschulen missbraucht werden kann und wird, ist kein Argument gegen das Bildungssystem. Dass nur sieben Prozent der Studierenden aus Arbeiterfamilien stammen, ist kein Argument gegen die Hochschule und schon gar keines dafür, das Hochschulstudium noch mehr zu verteuern. Dem Arbeitnehmerhaushalt reicht schon, dass studierende Kinder zum Haushaltseinkommen nicht beitragen, wie das Kinder in der Berufsausbildung tun. Ganz im Gegenteil muss es finanziell leichter werden zu studieren, nicht schwerer.

Der erste Studienabschluss, der zum Start in eine anspruchsvolle Position im Berufsleben befähigt, muss vor allem schneller möglich sein - das entlastet das Bildungssystem wie die Studierenden finanziell. Der lange geforderte Abschluss Bachelor, Baccalaureat, B.A. oder wie auch immer nach maximal sechs Studiensemestern ist die Voraussetzung. Das Studium bis dahin muss ohne Zusatzkosten möglich sein.

Ein Aufbaustudium kann der freien Finanzierung, dem Sponsoring oder einer Hochbegabtenförderung durch Staat, Stiftungen oder wem auch immer überlassen werden: Bis zum 6. Semester hat sich in der Regel gezeigt, ob jemand für den Hochschulbetrieb taugt oder nicht. Dass für die begabte Studenten bereits im Grundstudium Förderseminare bereitstehen können und müssen, ist Aufgabe der Hochschulen.

Ein- und Umstiege aus Schulen und Unternehmen fördern Vielfalt, Praxisnähe und Qualität von Forschung und Lehre: Zur Professur sollen, müssen auch andere Wege führen als eine jahrzehntelange Universitätslaufbahn.

4. Weiterbildung erleichtern, nicht erschweren

Eine bunte Vielfalt von Anbietern drängelt sich auf dem Weiterbildungsmarkt: Volkshochschulen professionalisieren sich. Die IHK hilft beim Selbständigmachen. Private Schulen und Weiterbildungseinrichtungen arbeiten mit AFG-Geldern, diversen Zuschüssen, frei finanziert oder mit einer Mischung aus allem miteinander. Angeboten werden IHK-Abschlüsse, 'hauseigene' Abschlüsse sowie allerhand Abend-, Tages-, Wochenendseminare im Spannungsfeld zwischen 'zweckfreier' und berufsorientierter Bildung.

Beobachtbare Tendenzen, die berufliche Aus- und Weiterbildung mehr und mehr zu verschulen, wirken kontraproduktiv. Nicht bürokratisieren, sondern flexibilisieren muss die Devise sein: Kleine und mittelständische Bildungseinrichtungen wie Unternehmen können mit dem teuren Zertifizierungswettlauf nicht mithalten. Gerade sie reagieren aber oft mit originellen Bildungsangeboten auf die veränderte Arbeitswelt. Weiterbildung sollte, um bezahlbar zu bleiben, nicht mehr verbürokratisiert werden, sondern weniger.

Diejenigen, die sich frei finanzierte Weiterbildung nicht leisten können, weil sie in ungelernten, schlecht bezahlten Positionen arbeiten, brauchen Weiterbildung in der Regel am dringendsten: Für sie müssen berufsorientierte Angebote zu erschwinglichen Preisen zur Verfügung stehen. Eine unbürokratische Förderung für alle Bildungsträger, die sich dieser Aufgabe stellen, ist angesagt. Warum nicht ein an klare Bedingungen geknüpfter Bildungszuschuß je Teilnehmer aus dem Arbeits- oder Wirtschaftsministerium, das diese Bildungsgelder als Weiterbildungsabgabe bei der Wirtschaft einsammelt?

Selbstkontrolle ist die beste Kontrolle: Mitbestimmung von Eltern, Lehrern, Schülern wird in der Schule schon seit Jahrzehnten gefordert. In der Weiterbildung, wo in der Regel Erwachsene sitzen, ist sie um so notwendiger. Anstatt immer höhere Hürden für Bildungseinrichtungen aufzustellen, sind demokratische Mitsprachemöglichkeit angesagt. Anstatt die Klienten von Bildungsangeboten mit immer umfangreicheren Fragebögen zur Qualitätssicherung zu nerven, gehört die Mitsprache und Mitbestimmung bei der Planung und Konzeption von Bildungsangeboten dazu: und zwar gleichberechtigt zwischen Lernenden, Lehrenden und Organisierenden.

5. Teilzeitstudium parallel zur Erwerbsarbeit

Die Antwort auf neue Biographiemodelle muss lauten: Erleichterung der Weiterbildung, nicht Erschwernis. Es gibt spannende Versuche, beispielsweise an der Universität Bielefeld, mit Teilzeitstudiengängen: Es muss während der Berufstätigkeit möglich sein, eine höhere Qualifikation zu erwerben.

Das Teilzeitstudium ist ein Schritt in diese Richtung; hilfreich auch, dass durch die Einteilung in 'bis zum B.A.', 'Diplom, Examen oder M.A.' bis hin zur Promotion die Studienlaufbahn den Erwerbsbiographien des 'Lebenslangen Lernens' besser anpassen kann. Warum nicht als Bankangestellter in Teilzeit das betriebswirtschaftliche Diplom machen? Warum sollte eine Lehrerin nicht, wie früher, die Möglichkeit bekommen, neben dem (Teilzeit-)Unterricht zu promovieren? Warum nicht den zu Recht als unerträglich empfundenen Zustand, dass viele Studierende nebenher arbeiten müssen, normalisieren und integrieren?

Ein solches Teilzeitstudium dauert dann nicht maximal drei, sondern fünf Jahre und trägt den Bedürfnissen der arbeitenden Studierenden Rechnung, anstatt sie zu diskriminieren.

Viele berufstätige Arbeitnehmer würden gern in Teilzeit gehen, wenn es organisatorisch, vom Arbeitsablauf her möglich wäre. Daneben würden sie erschwingliche Weiterbildungsangebote annehmen. Das bedeutet eine notwendige Umgestaltung der Arbeitswelt: Wer als Unternehmen Weiterbildung fördern möchte, muss seinen Mitarbeitern entsprechende Teilzeit-Arbeitsangebote machen. Wer das nicht tut, zahlt eine Weiterbildungsabgabe.

6. Bessere Lehrende durch flexible Lehrbiographien

Wenn sich Lebens- und Arbeitswelten ständig wandeln, darf der Unterricht nicht weiterhin aussehen wie vor dreißig Jahren. Gute, engagierte Lehrerinnen und Lehrer nehmen selbstverständlich die eigene Weiterbildung, -entwicklung und Motivation in die Hand. Dabei sollten sie unterstützt, nicht daran gehindert werden. Aufbaumöglichkeiten wie das Teilzeitstudium unterstützen eigenes Bildungsengagement der Lehrer, attraktive, preiswerte Weiterbildungsangebote auch - aber nur, wenn sich entsprechende berufliche Entwicklungsmöglichkeiten auftun: ein Zeitvertrag für die akademische Lehre, der Sprung in die Weiterbildungsabteilung eines Unternehmens, die Leitung einer Weiterbildungseinrichtung, eine Professur.

Umgekehrt tun der schulischen Weiterbildung Quereinsteiger gut: Wer aus dem Beruf kommt und die beruflichen Anforderungen kennt, gibt in der Regel einen guten Fachlehrer ab. Journalisten, Medien- und Marketingfachleute in die Schulen und Universitäten - Lehrer wieder an die Unis oder in die Unternehmen: Auch hier müssen Umstiege erleichtert werden.

7. Zwölf Jahre bis zum Abitur

Studierfähigkeit bedeutet nicht, Wissensberge anzuhäufen, sondern anhand geeigneten Stoffs die intellektuellen, kommunikativen, sozialen Fähigkeiten zu schärfen. Die sind in der Regel bis zum 18. Lebensjahr entwickelt.

Ein Schuljahr weniger heißt: Schneller die Möglichkeit zu haben, in den Beruf oder an die Uni zu gehen, und damit mehr Zukunft für die Schülerinnen und Schüler. Es heißt aber auch: weniger Kosten für die Eltern - und finanzielle Einsparungen für die städtischen oder staatlichen Bildungsträger im Schulsystem. Die Absicht dabei: Dass für mehr junge Leute die Schwelle, das Abitur zu erwerben, niedriger liegt als heute.

Das heißt auch: Zu einem späteren Zeitpunkt in der Biographie das Abitur nachzuholen, wird leichter - wenn es nicht mehr darauf ankommt, Stoff von drei oder vier Jahren nachzupauken, sondern kommunikative, intellektuelle und soziale Fähigkeiten zu erwerben und nachzuweisen.

8. Auf Bildungszüge aufspringen - auch später im Leben

Bundesweit muss größere Transparenz und höhere Durchlässigkeit des Bildungssystems möglich sein: Um Arbeitnehmern auch an späteren biographischen Entwicklungspunkten die Möglichkeit zu geben, an der eigenen Bildung weiterzuarbeiten, muss es leichter sein als heute, die verschiedenen schulischen, 'freien' und akademischen Abschlüsse nachzuholen.

Orientierungshilfe bei der Wahl des passenden Bildungsgangs tut not: Das kann eine Internet-Datenbank sein, in der sich Bildungswillige über Abschlüsse, Zuschüsse, Preise, Konditionen informieren können. Die Verbraucherorganisationen sind gefragt, den bildungswilligen Bürgern mit Rat, Kritik und Entscheidungshilfe zur Seite zu stehen.

Die bundesweite Vereinheitlichung auf sechs Jahre Grundschule mit Orientierungsphase nach Länderbesonderheit, vier Jahre Mittelstufe und zwei Jahre (gymnasiale oder Fachschul-) Oberstufe bedeutet somit nicht weniger, sondern mehr individuelle Ausgestaltungsmöglichkeit: nach Neigung, Fachausbildung (berufsbildend oder akademisch? Naturwissenschaft oder Soziales? Neue oder alte Sprachen?) sowie landestypisch (in Schleswig-Holstein anders als in Bayern). Wettbewerb auch zwischen den Bundesländern dient der Vielfalt der Bildungsangebote und damit dem Bürger.

9. Ganztagsschule bis zur zehnten Klasse

Ein netter Ansatz sind die Versprechungen der 'Halbtagsschule' in Rheinland-Pfalz und Bayern. Ihr einziger Nachteil: Wo sind die entsprechenden Halbtagsarbeitsplätze für Mütter und Väter? Auch die Halbtagsschule schafft den kostspieligen, statussichernden Freizeitmarathon von Eltern und Kindern nicht ab: montags zum Sport, dienstags zum Ballett, mittwochs zur Musikschule.

Die Ganztagsschule bietet stattdessen nachmittags entspanntes Spielen und Lernen. Ziel: Wenn die Kinder und jungen Leute aus der Ganztagsschule heimkommen, haben sie mit anderen gelernt, gespielt, musiziert, sind ihrer Lieblingssportart nachgegangen, haben am PC gearbeitet oder gespielt, die Hausaufgaben erledigt - der Feierabend gehört der Familie. Bei zunehmender Berufstätigkeit und vielleicht Weiterbildung beider Eltern muss das Standard sein.

Doch wer soll die Ganztagsschule halten? Die Lehrerinnen und Lehrer haben mit der eigenen Arbeit, Vorbereitung und Weiterbildung zu tun. Der Nachmittag gehört der außerschulischen Jugendarbeit: Sie ist bunt, kulturell, flexibel, neigungsorientiert, politisch, setzt Medien ein und fördert den Teamgedanken, kurz: die Medienkompetenz. Idealerweise findet sie in der Nähe des Wohnorts statt - wenn die Schule geeignete Räume bietet, auch dort. Hier können die Kommunen gemeinsam mit freien Trägern der offenen Jugendarbeit in einen fruchtbaren Standort-Wettbewerb eintreten. Überdies entstehen attraktive Teilzeit-Angebote für qualifizierte Pädagogen.

10. Politisches Engagement ist ein Grundbedürfnis

'Die Gesetze macht der Kanzler', verbreitete ein jugendliches Parteimitglied (es war ein Juso) kürzlich in einer Newsgroup des Internet. Einige Tage vergingen, bis irgendjemand aufmerksam wurde und nachfragte: '.. und das hast Du in der Schule gelernt?!' Nach sechzehn Jahren Kohl gibt es die politische Bildung so gut wie nicht mehr.

Ausgehend von der konservativen 'Trendwende' Mitte der Siebziger Jahre wurde gesellschaftliche Betätigung als Hobby verniedlicht, als Freizeitbeschäftigung für Vereinsmeier oder als Beschäftigungstherapie für unterforderte Unternehmersgattinen diffamiert. In bayerischen Gymnasien kommt sie verpflichtend noch mit einer (!) Wochenstunde in der zehnten Klasse vor.

Die Förderung der politischen Bildung steht in der Koalitionsvereinbarung; sie bedarf jedoch der Umsetzung: zuvorderst im schulischen Bereich. Politische Bildung gehört in die Schule ebenso wie in die außerschulische Jugendarbeit, und zwar als fundamentaler Baustein der Ganztagsschule. Wer sagt denn, dass politische Bildung 'nur' Gremienwissen ist? Oder dass sie ideologisch gebunden sei (um Himmels willen)? Stattdessen gehören dazu: Umweltaktivitäten im Rahmen der Agenda 21, Schulfeste, Kulturzirkus auf dem Marktplatz.. 'Politik muss Spaß machen, sonst wird sie nicht gemacht' (Peter Lokk).

Spätestens seit Amitai Etzioni (3) sollte sich herumgesprochen haben, dass soziale Anerkennung und gesellschaftliches Einmischen Grundbedürfnisse des Menschen sind, die gleichberechtigt neben dem Streben nach individuellem Nutzen stehen. Diesen Paradigmenwechsel (Etzioni, nach Thomas Kuhn) gilt es nun, umzusetzen.

Mehr Bildung mit weniger Geld, lautete die paradoxe Botschaft der Koalitionsvereinbarung. Georg Picht hätte das nicht gefallen. Er nahm Staat wie Wirtschaft in die Pflicht: 'Aber wie sollen diese vielversprechenden Beschlüsse in der Praxis durchgeführt werden, wenn der politische Impetus fehlt, um die erforderlichen Kräfte zu konzentrieren und um die riesigen Mittel aufzubringen, die benötigt werden?' (4). Heute stellt sich die Frage etwas differenzierter, aber nicht weniger präzise: Geld für die Bildungsoffensive fürs nächste Jahrtausend muss lockergemacht werden, etwa in einem 'Bündnis für Arbeit und Bildung'. Die politischen Vorgaben müssen von der Regierung kommen.

Anmerkungen: (1) Georg Picht: Die deutsche Bildungskatastrophe. Analyse und Dokumentation, Olten und Freiburg im Breisgau 1964, S. 31. (2) Gabriele Hooffacker: Wir nutzen Netze. Datenautobahnen - ein kommunikatives Manifest, Göttingen 1995. (3) Amitai Etzioni: Die faire Gesellschaft. Jenseits von Sozialismus und Kapitalismus, Frankfurt am Main 1996. (4) Georg Picht: Die deutsche Bildungskatastrophe a.a.O. S. 97.

Letzte Aktualisierung: So. 07. 11. 2010. 10:31 Uhr (GaHo)
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