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Bürgernetze: ein Modell für die 'responsitive community'?

(Vortrag, gehalten auf der CL-Jahrestagung, 10. Oktober 1998)


Das Konzept der 'responsitive community' (Amitai Etzioni), zu deutsch etwa 'zur Verantwortung fähige Gesellschaft' oder auch 'faire Gesellschaft', basiert auf folgender Annahme:

Zwischen den Individuen und der Gemeinschaft, die diese Individuen bilden, herrscht eine kreative Spannung. Daraus entsteht ein ständiges Streben nach Gleichgewicht. Diese 'faire Gesellschaft' ist nicht hierarchisch, aber stark sozialisiert und integriert; sie ist weit mehr als eine Ansammlung von Individuen, die alle lediglich ihren individuellen Nutzen maximieren wollen.

Doch derzeit herrscht in den Sozial- und Wirtschaftswissenschaften das neoklassische Paradigma vor: Der Mensch, das rationale handelnde Individuum, verfolgt genau einen Nutzen, den er zu maximieren strebt, nämlich sein individuelles Vergnügen ('pursuit of happiness'). Auf dieser Annahme basiert unter anderem die neoklassische volkswirtschaftliche Theorie. Amitai Etzioni nennt dies 'Untersozialisierung'.

Dem steht ein älteres, sozialkonservatives Paradigma gegenüber, das den Menschen als unmoralisch und unvollkommen annimmt und deshalb von übergeordneten Werten ausgeht, die ihm 'eingeimpft' werden müssen. Zur Durchsetzung der sozialen Ordnung bedarf es einer übergeordneten Autorität. Die größere Gefahr sieht diese Richtung in der Anarchie der Masse, nicht etwa im autoritären Regime. 'Übersozialisiert' nennt Etzioni diese Richtung der Sozialwissenschaften, die auf der mittelalterlichen Sozialophilosophie der Kirche fußt.

Das Modell der 'responsitive community', von Etzioni auch 'Ich+Wir-Paradigma' genannt, geht von Individuen aus, die mindestens zwei Nutzen verfolgen und aus deren Spannungsfeld heraus Entscheidungen treffen: individuelles Vergnügen und soziale Verantwortung (griechisch deon=Verpflichtung). Dafür, daß dem so ist, daß dieses Paradigma nicht nur für die Sozialwissenschaften, sondern auch für die Ökonomie von Bedeutung ist, gibt es zahlreiche Belege. Einige Beispiele dafür:

• die meisten Menschen ziehen das Überziehen ihres Kontos dem Aufnehmen eines Kleinkredits vor, obwohl der Kontokorrentkredit deutlich höhere Zinsbelastung mit sich bringt - offensichtlich 'irrational';
• Kaufentscheidungen, Wohnort- und sogar Berufswahl werden oft nach Wert- oder Statusurteilen getroffen ('man kauft nicht bei Aldi'), nicht rational nach der Nutzenmaximierung;
• viele wirtschaftlich rationale Handlungsweisen werden als unmoralisch empfunden und müssen deshalb mit hohem PR- und Marketingaufwand 'verkauft' werden;
• Menschen engagieren sich in Bürgerinitiativen, in der Frauen- oder Umweltbewegung oder eben auch in Bürgernetzen, ohne daß sie konkret sagen können, 'was es bringt'.

Damit entsprechen die Bürgernetze in ihrer Struktur idealtypisch der 'responsive community': Das Computernetzwerk Linksysteme (CL) ist eine Initiative höchst unterschiedlicher Gruppen und politisch interessierter Einzelpersonen, unabhängig von einzelnen Institutionen oder Parteien. Das unterscheidet CL von jeder von oben her konstruierten Datenautobahn: Die TeilnehmerInnen und BetreiberInnen von CL definieren ihren Anspruch selbst.

Solche Lösungsansätze entsprechen den Nicht-Regierungsorganisationen, den NGOs, und sie werden von ihnen ausgiebig genutzt. Bürgernetze für die Neuen Sozialen Bewegungen sind ein Sprachrohr, mit dessen Hilfe sich die Betroffenen ihrer Zahl und ihrer Macht bewußt werden, ihre Ziele artikulieren, Aktionen absprechen und neue Kontakte knüpfen - das alles von Einzelperson zu Einzelperson, von Gruppe zu Gruppe, ohne Hierarchien, trotz einer 'Festung Europa' grenzenübergreifend.

Mit diesem dezentralen und gleichzeitig überregionalen Informationsnetzwerk ist es möglich, sich gegen die Regionalisierung von Konflikten (und die schleichende Machtübernahme der Reaktion) zur Wehr zu setzen. Ein regionenübergreifendes Kommunikationssystem ist die Voraussetzung für das Brechen der regionalen wie internationalen Informationsmonopole. Der Informationsaustausch innerhalb wie untereinander soll durch CL gesichert und gewährleistet werden -- und mit dieser 'Neuen Öffentlichkeit' zur Identität der europaweiten und internationalen kritischen, alternativen, linken Öffentlichkeit beitragen.

Dabei setzt CL auf starke regionale Strukturen: Nicht nur lokale Einwahlknoten sind gefragt, die das Motto 'lokal wählen, global handeln' umsetzen. Dahinter müssen Menschen stehen, die die Informationsarmen lehren, beraten, medienmächtig machen. Deshalb verbindet das CL-Netz den Anspruch der internationalen Vernetzung mit starken regionalen Netzknoten. Nur dadurch, so die Initiatoren, können die Informationen im sozialen Geflecht vor Ort verankert sein, ihre Adressaten erreichen und zu konkreter politischer Teilhabe führen.

'Gesellschaftliche Verantwortung' via Bürgernetz?

Die Organisationsform eines dezentralen Netzes wie des hier als Beispiel dienenden Computernetzwerks Linksysteme, des internationalen CL-Netzes, ist durch folgende Eigenschaften gekennzeichnet:

• Gegenstruktur: Es nutzt die internationalen Telekommunikationsbahnen und -standards ('Internet'). Im Gegensatz zu jenen kann es sich jedoch unabhängig von nationalen, institutionellen und Unternehmenshierarchien entfalten. Jeder einzelne Netzknoten arbeitet dezentral und unabhängig. Gleichzeitig wird auf Autonomie des eigenen Netzes Wert gelegt.
• Gegenexperten aus sozialer Verantwortung: In seinen Reihen finden sich Lehrer, Universitätsdozenten, Ingenieure, die ihre fachlichen Kenntnisse ohne Erwartung einer Gegenleistung in den Dienst des Umweltschutzes oder der politischen und gesellschaftlichen Arbeit von Bürgerinitiativen oder Selbsthilfegruppen -- kurz: der Neuen Sozialen Bewegungen -- stellen.
• Neue Öffentlichkeit: Sie bilden mit ihren differenzierten Argumentationen und Meinungen eine, wenn auch zahlenmäßig begrenzte, kritische Öffentlichkeit, die neue Themen findet, neue Argumentationen übt, neue Wege erprobt.
• Individualität: Die neuen Arbeitsformen verlangen vom Einzelnen hohe psychische und soziale Mobilität. Der entsprechende psychische Individualisierungsprozess setzt sich parallel dazu und zur Kolonialisierung der Traumwelten durch die Medien fort. Ein neues gemeinsames Medium der entfremdeten Individuen fehlte bislang. Die Telekommunikation in einem dezentralen Netzwerk bietet eines, das nicht so leicht kolonialisierbar, beherrschbar ist (Kontrollversuche: Verschlüsselungsverbote, Einschränkung der Kommunikationsrechte, Privatisierung des Internet).
• Verknüpfte multidirektionale Kommunikation: Letztendlich tauscht sich jeder mit jedem aus. Da es keine Zentrale gibt, ist das Netz nicht einfach zu zerstören. Auch wenn die Idee dazu aus dem Kalten Krieg stammt, als US-Militärs die Technik der Paketvermittlung für den Fall eines Atomschlags entwickelten: Schwerter zu Pflugscharen! eignet sich auch für Datennetze, insbesondere für solche von gesellschaftlich engagierten Leuten: Bei einer Störung übernehmen ähnlich wie in neuronalen Strukturen selbsttätig andere Systeme im Netz die Funktion der ausgefallenen. Auf diese Weise kann ein Netz wie CL nicht 'ausgeschaltet' werden.
• Cross Media, Vernetzung mit anderen Medien: Stadtzeitungen, Organe von Bürgerinitiativen, Gewerkschaftspresse, Bürgerfunk und Alternativradios, regionale und thematisch orientierte Publikationen aus Umwelt und Politik, Journalistinnen und Journalisten aus verschiedensten Bereichen.

In die Abteilung Utopien fallen folgende weiterhin denkbare, im CL-Netz formulierten Anwendungsmöglichkeiten:

• Lösung von Verteilungs- und Allokationsproblemen: Nachhaltige Produktionsweisen, niedrige Transportkosten, umweltschonende Ressourcenverteilung;
• Kooperation zwischen Gruppen mit ähnlichen Interessen (auch: Unternehmen) statt Vernichtungswettkampf, bessere Auslastung aller, Synergieffekte durch bessere Information;
• Faires regionenbezogenes Wirtschaften zwischen Dritter, Zweiter, Erster Welt..

Was bringt der Erfahrungsschatz der bisher geschaffenen Bürgernetze?

Als Fazit aus den existierenden Bürgernetzen (CL-Netz, APC, ZAMIR, Solinet und diverse Spezialnetze) lassen sich folgende Thesen ziehen:

1. Historische Dimension: Den Pionieren, Online-Aktivisten der ersten Stunde, gelang es, eine von ihrer gesamten Sozialisiation her technik-kritische bis technik-feindliche intellektuelle Avantgarde nicht nur mit den neuen Online-Medien vertraut zu machen, sondern sie zur aktiven Nutzung zu bewegen. Eine ganze Generation, die aufgrund ihrer demographischen Struktur und Sozialisation für die neuen Medien verloren gewesen wäre, wurde darüber an Computer allgemein sowie an die Möglichkeiten der Datennetze herangeführt.

2. Soziale Dimension: In den Bürgernetzen wurde eine hierarchiefreie, direkt vernetzte Kommunikation erprobt. Daß sich technisch statt der NGO-Newsnetze das World Wide Web mit seinem Massenmedien-Charakter durchgesetzt hat, ist nicht den Bürgernetzen vorzuwerfen: Als Mangel bleibt allerdings festzuhalten, daß die Bürgernetze selbst zu langsam auf die Veränderungen der Online-Welt reagierten, obowhl es ihnen an Wissen darüber nicht mangelte, sich ihre Pioniere intensiv damit auseinandersetzten und die Netzgemeinschaft auf Tagungen, Seminaren sowie in den Foren des Netzes selbst immer wieder auf die Notwendigkeit einer Weiterentwicklung hinwiesen.

3. Zukunftsdimension: Derzeit fristen die Bürgernetze eher ein Randgruppendasein, das sich mit dem langsamen Absterben der Stadtzeitungsszene in den späten Achtziger Jahren vergleichen läßt: winzige Gruppen, manchmal politisch sektiererhaft, majorisieren einzelne Themenbereiche, während sich der Mainstream ins World Wide Web verlagert. Daneben zeigen sich Tendenzen, einzelne Foren lediglich als Sende- bzw. Konsummedien zu nutzen, sowie ausgiebige Spezialisierungstendenzen.

Würdigung: Kurzfristig wurden zu Beginn der Neunziger Jahre die Möglichkeiten einer zivilgesellschaftlichen, basisdemokratischen Vernetzung engagierter Gruppen und Einzelpersonen sichtbar, die bis heute nicht wieder erreicht wurden. Erst rudimentär ist erkennbar, wie sich auch im Online-Bereich eine 'dritte Säule' zivilgesellschaftlicher Beteiligung analog zu Stadtteilpresse und Bürgerfunk entwickeln könnte.

Kurzangabe zur Person:

Gabriele Hooffacker, Dr. phil., Publizistin, München; gründete 1987 das deutschsprachige CL-Netz; Initiatorin der Medienbildungseinrichtungen 'Münchener Medienladen' und 'Frohburger Medienhaus' bei Leipzig, zahlreiche Veröffentlichungen in Fachzeitschriften, mehr als zwei Dutzend Buchveröffentlichungen, aktuell: 'Internet. Der Reiseführer ins globale Datennetz' (gemeinsam mit Martin Goldmann und Sven Mainka), Reinbek (Rowohlt) 1998. E-Mail: g.hooffacker@link-m.de, Web: www.journalistenakademie.de.

Letzte Aktualisierung: So. 07. 11. 2010. 10:28 Uhr (GaHo)
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Die Journalistenakademie auf den Medientagen München, 25.-27.10.

64. Mediengespräch: Haben unsere Medien Migrationshintergrund?, 19.10.2016

Preisverleihung zum Alternativen Medienpreis, 13.5.

63. Mediengespräch: Hoaxes, Fakes, Fälschungen, 4.5.

Wikipedia Foto-Workshop, 8.-10.4.2016

Das war die DGPuK-Jahrestagung, 30.3.2016

Fürs neue Jahr: Kalender 2016

62. Mediengespräch: Frauen in Medienberufen, 18.11.

61. Mediengespräch:
Social Media für Journalisten, 1.10.

Fotos vom Sommerfest: 15 Jahre Journalistenakademie

Alternativer Medienpreis: Preisverleihung, 22.5.

60. Mediengespräch:
Zukunft des Journalismus, 1.4.

Fachkonferenz Journalistenausbildung, 3.3.

Lange Nacht des Menschenrechts-Films, 28.1.2015

Erinnerung an jüdisches Leben in Neuhausen:
Weiße Koffer

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