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Online. Was bleibt

Beitrag für 'MaC Reloaded - Perspektiven aus der Skepsis', 2006


Wenn man 1984 unter jungen Leuten etwas sagen wollte, das quer zum Mainstream lag, musste man nur das Wort 'Computer' aussprechen. Ich forderte damals als 25-jährige Journalistin auf einer Sitzung des Juso-Bezirks Südbayern, dass man sich als Jungsozialist mit den Veränderungen beschäftigen sollte, die Computer und Datennetze in der Arbeitswelt bewirke, und erntete Hohngelächter: 'Du kannst ja gern weiter Computer spielen - wir machen hier Politik!' Im Vorstand meines Kreisverband regte ich an, ein Flugblatt mithilfe meines Homecomputers (so hieß das damals) zu gestalten. Mein Vorstandskollege, ein gelernter Setzer, drohte, aus der Partei auszutreten, wenn solche Leute wie ich weiter Mitglied sein dürften, und gab den Text zum Buchdrucker. Das Flugblatt wurde nie fertig, aber zum Parteiausschlussverfahren kam es dann doch nicht.

Vier Jahre später, auf dem 'Alternativen Mediengipfel' in Darmstadt-Kranichstein, erging es Peter Lokk und mir nicht viel besser. Hier wurden wir rasch als Agenten des Kapitals enttarnt, schlugen wir doch vor, sich mittels Computer und Telefonleitung untereinander zu vernetzen. Computer seien Teufelszeug, Ausbeuterwerkzeug, und überhaupt: der Datenschutz, man denke nur an ISDN und den Großen Bruder! (Es gab rühmliche Ausnahmen auf dieser Tagung. Der grüne Mandatsträger gehörte nicht dazu). So erklärte uns der Vertreter der Grünen zu 'Rechten', und den Computer gleich mit. Wir packten unseren Osborne 1 wieder ein und gingen das Eisenbahnmuseum besichtigen.

'Chancen und Risiken'

In zäher Kleinarbeit überzeugten wir in den folgenden Jahren intelligente, politisch denkende Menschen, zunächst Journalisten, dann Angehörige aller möglichen Berufe, sich auf die Datennetze einzulassen. Das 'Computernetzwerk Linksysteme' wuchs lawinenartig; in der 'Association for progressive communications” (APC) fanden wir internationale Partner. 1990 vernetzen wir uns in Helsinki; 1991 lernten wir die Moskauer Redaktion von „Glasnet” kennen und blieben auch während des Putsches gegen Gorbatschov in Mail-Kontakt. Später gab es CL auch im ehemaligen Jugoslawien und in der GUS. Gescheite junge Leute schlossen sich an. Peter und ich lernten viel über die Technik, wurden wir doch über Nacht zu Systembetreibern, zu 'Sysops'. Wer damals mit dabei war, lernte 'in a nutshell' alle Folgen des Computereinsatzes kennen, darunter: Computer sind Strukturverstärker, im Guten wie im Schlechten.

1994 traute ich meinen Ohren kaum: Plötzlich hatten dieselben Leute, die uns zehn Jahre lang ausgelacht hatten, Visionen. Sogar Bill Gates entdeckte das Internet. Ich schrieb, weit entfernt von allen Jubelvisionen, mein Kommunikatives Manifest ('Wir nutzen Netze' ). Darin warnte ich vor einer Dreiteilung der Gesellschaft in 'Information poor' auf der einen, 'Information rich' auf der anderen, und machtlose 'Information manager' dazwischen. Etwas vereinfacht fand sich diese Diskussion, die damals noch „digital gap” hieß, später unter dem Begriff 'Digital divide' wieder. Ich mahnte, die neue Technologie überlegt einzusetzen - sicher ein naiver Gedanke angesichts der Dynamik, die die New Economy in der zweiten Hälfte der 90-er Jahre entfaltete, und warnte vor der großen Wegrationalisierung von Arbeitsplätzen. Das wollte keiner hören. Der Verlag verkaufte die zweitausend Stück des Büchleins, die er gedruckt hatte, mit Mühe.

In der zweiten Hälfte der 90-er Jahre hatte ich mit Artikeln, Vorträgen, Büchern und Schulungen alle Hände voll zu tun. Die einen bestellten bei mir Horrorszenarien, die anderen Visionen, später wurden auch ausgewogene Beiträge verlangt ('Die neuen Medien - Chancen und Risiken'). Am liebsten hielt ich praktische Schulungen: So schreibt man eine Mail, so recherchiert man online, so nutzt man ein Forum, so funktioniert ein Chat. Manchmal wurde mir bei einer Podiumsdiskussion jemand vorgestellt: 'Das ist ein echter Pionier, der ist schon seit 1997 im Internet!' Das Publikum nickte ehrfurchtsvoll.

Beruf: Zeitzeuge

2004 war das Jahr der Jubiläen. Plötzlich kam ich mir vor, als sei ich achtzig: Der WDR interviewte mich zum Thema '20 Jahre E-Mail'. Die Moderatorin ließ mich live schildern, wie man 1984 eine Mail verschickt habe, und gab der Befürchtung Ausdruck, dass das Mailen doch die Schreibkultur verkommen ließe. - Auf einer Fachtagung sprach mich ein sympathischer Professor an: „Hallo, erinnern Sie sich noch? Sie haben mir vor mehr als zehn Jahren beigebracht, wie man eine E-Mail schreibt!”. Peter Lokk wurde vom Bayerischen Rundfunk als Experte ins „Tagesgespräch” eingeladen. Zu seiner Verblüffung durfte er mit den Anrufern genau dieselben Themen diskutieren wie schon vor 20 Jahren: Ob das Internet nicht überflüssig sei? Und ob man sich wirklich damit auseinandersetzen solle?

„Spiegel online” feierte das eigene 10-jährige Jubiläum unter dem Titel „10 Jahre Online-Journalismus”. In einem Dossier des Online-Magazins www.onlinejournalismus.de ergänzte ich diese Selbsteinschätzung um ein wenig Hintergrund. Die jungen Redakteure waren von den Screenshots aus den 80-er Jahren begeistert und verlangten noch mehr Storys aus der Steinzeit. „Aber denken Sie daran, wir schreiben für die heutige Generation!” ermahnten sie mich freundlich.

Besonders gefreut habe ich mich über die Einladung nach Josefsthal. Da saßen fast lauter grauhaarige Menschen meiner Generation auf dem Podium (erfreuliche Ausnahme: Christine Wittig, die schon als 16-jährige angefangen hatte, sich mit dem Thema zu beschäftigen). Längst hatte sich jeder spezialisiert: der eine auf die Wissenschaft, der andere aufs Bildungswesen, wieder andere auf die praktische Medienpädagogik. Um den Online-Journalismus, mein Arbeitsgebiet, hatten sich in der Boom-Phase Wissenschaftler wie Praktiker gerissen – geblieben sind bis heute die, die es ernst mit dem Thema meinen.

Wer Visionen hat..

Was ist von den Visionen geblieben? Bis heute finde ich es ziemlich wagemutig, dass wir in unserer Begeisterung für das neue Medium versucht hatten, im Schnelldurchgang aus allen Usern Journalisten zu machen. Sie sollten in den Foren des CL-Netzes lernen, zwischen Information und Meinung zu trennen (zeitweise gab es dafür sogar eine technische Lösung, die nur eingeschränkt funktionierte). Die aktuelle Diskussion um Weblogs und die Gatekeeper-Funktion des Journalisten zeigt jedoch, dass wir mit der Fragestellung womöglich gar nicht so falsch lagen.

Bis heute nimmt auch die Verschärfung der sozialen Gegensätze zu. Online-Medien verschärfen die Gegensätze mehr, als dass sie sie aufheben. Für intelligente medienpädagogische Ansätze gibt es mehr als genug Aufgaben – bildungspolitische wie ganz praktische. Ansonsten halte ich es einem Zitat, das Altbundeskanzler Helmut Schmidt zugeschrieben wird: „Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen”.

Gabriele Hooffacker

in: Wolfgang Schindler (Hg.): MaC Reloaded - Perspektiven aus der Skepsis, Joseftal 2006, S. 8-12

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